wandel der zeit

qigong, yoga und magie im wandel der zeit

seit dem aufkommen des new age erfreuen sich energiearbeitssysteme einer größeren beliebtheit. die drei hier vorgestellten wege scheinen, trotz ihres jeweils hohen alters, auch in den zivilisationen der moderne ihren platz und ihre anwendung zu finden. mitunter kann es dabei auch zu einer starken anpassung an die bedürfnisse des menschen von heute kommen, wie sich am beispiel des yoga zeigt.

qigong in der gegenwart

in jüngerer vergangenheit fristete die kunst des qigong in ihrer heimat china zeitweise nicht mehr als ein schattendasein. wie cohen berichtet, war es in den ersten jahrzehnten nach gründung der volksrepublik china kaum möglich, diese form von energiearbeit zu praktizieren und zu erforschen. ein zustand, der sich dann erst in den 1950er jahren zum besseren hin veränderte. während der kulturrevolution (1966–1976) unter mao zedong war es dagegen abermals angebracht qigong unter geheimhaltung zu praktizieren, da die individuellen, scheinbar übernatürlichen fähigkeiten der taoistischen qigong-meister in grossen widerspruch zur philosophie des staatlich verordneten kommunismus standen. dies änderte sich erst nach dieser politischen phase, wie olvedi beschreibt:

„in den achtziger jahren brach in china ein regelrechtes qi-Gong-fieber aus. im ‚tauwetter‘ nach der kulturrevolution entwickelten sich zwei strömungen des qi gong: die bewegungsformen (dong gong), vor allem das ‚kranich-qi-Gong‘ und ‚wildgans-qi- gong‘, und das qi Gong des geistigen heilens durch übertragen des qi vom heiler auf den patienten (wai qi)“

eine wichtige position nahm hier der pionier der chinesischen raumfahrt, dr. qian xuesen, ein, welcher sich zu dieser zeit für eine vermehrte erforschung des qigong einsetzte und alleine durch seinen ausgezeichneten ruf viel zur geistigen öffnung demgegenüber beitrug. mittlerweile hat sich qigong auch außerhalb chinas etabliert und wird von vielen menschen als therapieform wie auch als kunst der energiearbeit hoch geschätzt. cohen verweist hier auf über eintausend wissenschaftliche publikationen, welche bis mitte der 1990er jahre alleine im englischsprachigen raum zu diesem thema veröffentlicht worden sind und schätzt des weiteren, dass zur gleichen zeit mindestens 100 000 menschen außerhalb chinas qigong betrieben . alleine angesichts des booms, den gerade die TCM in den letzten jahren in europa und nordamerika erlebte, kann diese zahl heute nur sehr viel höher liegen.
folgender beispiel veranschaulicht die praxis dieser übung:

 

 

 

yoga auf dem weg in den westen

die rezeption von yoga war lange zeit von den berichten reisender und handelstätiger geprägt, welche selbst oft in sehr oberflächlichem kontakt zur indischen kultur standen. dazu war das öffentliche bild des yoga in indien zu dieser zeit eher negativ besetzt, wie karl baier ausführt:

„bevor seriöse yoga-schulen im 20. jahrhundert einen aufschwung nahmen und die hochschätzung des yoga im westen auch in indien selbst das image des yoga verbesserte, war die meinung, bei den yogins handle es sich um wahrsager, magier und halbverrückte außenseiter, die ihr geld auf der strasse verdienen, in der indischen öffentlichkeit weit verbreitet.“

dieser umstand in kombination mit der relativen unkenntnis der verfasser der reiseberichte trug dazu bei: „(…), dass die in den frühen neuzeitlichen reiseberichten vorherrschende identifikation der yogins mit fakiren und einer art von radikalen büßern die europäische vorstellung vom yoga bis ins 20. jahrhundert entscheidend geprägt hat. bis zum ersten weltkrieg war es üblich yoga unter dem stichwort des fakirismus abzuhandeln, (…).“ . diese bild änderte sich besonders unter dem einfluss einer mit beginn des 20. jahrhunderts einsetzenden missionsbewegung, in deren verlauf viele yogins nach europa und nordamerika kamen, um dort ihre einsichten und techniken zu verbreiten. am beginn dieser entwicklung steht laut feuerstein der guru swami vivekananda:
harmonie
„yoga entered the western hemisphere mainly through the missionary work of swami vivekananda, who represented hinduism at the parliament of religions in 1893.“ . seinem beispiel folgten andere weise indiens, unter anderem paramahansa yogananda, swami muktananda, maharishi mahesh yogi, sri chinmoy oder jiddu krishnamurti . sri aurobindo, ein weiterer weiser indiens, wurde auf wunsch seines vaters im westen ausgebildet und kam so erst nachträglich in tieferen kontakt zur geschichte seiner vorfahren mit all deren traditionen. in indien nahm er später am kampf gegen die englischen kolonialherren um die unabhängigkeit der nation teil, um, wie es ekkehard markgraf darstellt, mit der zeit ein noch größeres ziel anzuvisieren:

„die neue aufgabenstellung enthält die entwicklung eines ‚ yoga für das erdbewusstsein‘ und ergab sich aus einer radikalen wandlung seiner lebensanschauung, die nicht den charakter einer abstrakten negation, sondern den einer dialektischen aufhebung hatte. im neuen ist das alte noch enthalten, aber als qualitativ anderes, auf eine neue stufe gehobenes. es umfasst die arbeit an einer lebendigen antithese zur gesellschaftsordnung der wirtschaftlichen barbarei, es enthält den impuls zum aufbau einer als keimförmig wachsend konzipierten zelle von leben – einer anderen art, als es die herrschenden verhältnisse überall zu erzwingen versuchen.“

ähnlich wie sri aurobindo war es vielen dieser yogins ein wichtiges anliegen, die menschheit zu einem höheren bewusstsein zu führen. so kam es zu einer schnellen verbreitung der yoga-philosophie, die auch im westen stetig neue anhänger wie befürworter fand. von den großen möglichkeiten des yoga war beispielsweise auch c. g. jung angetan, wenn er schreibt:

„ganz abgesehen vom reiz des neuen und von der faszination des halbverstandenen hat der yoga aus guten gründen viele anhänger. er gibt nicht nur den vielgesuchten weg, sondern auch eine philosophie von unerhörter tiefe. er gibt die möglichkeit kontrollierbarer erfahrung und befriedigt damit das wissenschaftliche bedürfnis nach ‚tatsachen‘, und überdies verspricht er vermöge seiner weite und tiefe, seines ehrwürdigen alters und seiner alle gebiete des lebens umfassenden lehre und methodik ungeahnte möglichkeiten, welche zu unterstreichen von missionaren selten unterlassen wurde.“ 

diese von jung so hoch geschätzte sehr alte philosophie unterliegt momentan einem wandel. bedingt durch eben jenes aufeinandertreffen des yoga mit dem westen entstand laut clarke eine neuzeitliche form von yoga, welche 2004 von elizabeth demichaelis mit dem englischen begriff modern yoga versehen wurde. unter modern yoga versteht man: „(…), a secularized form of yoga in the sense of its being detached from its spiritual roots which lay in classical indian religion. from this point on yoga began to be promoted as a way of life that anyone, believer or not, could usefully practise, and this is how it is seen by most people in europe today.“  für die allgemeine rezeption und die verbreitung von yoga stellte sich diese entwicklung trotz der relativen entfernung von dessen wurzeln als positiv heraus:

„versions of modern yoga are endless and its popularity widespread. this popularity can be explained in part by its having become conflated with western therapy and transformed in the process from its classical purpose, which was to provide the spiritual means to liberation, into a ,secular‘ technique for coping with the stresses and strains imposed by modernity or for promoting relaxation.“

so verschieden die formen des modernen yoga sind, so unterschiedlich sind auch deren zielsetzungen. in diesem sinne betonen auch nicht alle versionen explizit den spirituellen aspekt. diese entwicklung führte daher zu einer teilweisen entfremdung vom ursprünglichen ideal des yoga, welches die erweckung des inneren potenzials und dadurch die befreiung aus dem rad der wiedergeburten zum ziel hat. feuerstein rät deshalb zu einer verinnerlichung der traditionellen sichtweise:

„whatever our personal reasons for practicing yoga may be, it is good to bear yoga’s traditional goal in mind. this will prevent us from getting stuck with a particular limited achievement. yoga seeks to tap into our ,full‘ potential.“

schließlich erweist es sich als eine frage der zielsetzung, wie weit man das eigene potenzial auszuschöpfen im stande ist. mit den techniken des yoga bietet sich dem einzelnen jedenfalls eine gute möglichkeit, die reise zu sich selbst in angriff zu nehmen.

magie in der moderne

magie spielt eine nicht unwesentliche rolle in der erweckung des neuen bewusstseins des new age. die spezielle art und weise, wie heute magie betrieben wird, bezieht sich zu einem großen teil auf anschauungen und philosophien, welche zur zeit der renaissance entstanden waren. dazu berichtet baier:

„insbesonders am hof der medici in florenz wurden im 15. jahrhundert christentum, neuplatonismus, hermetisches schrifttum und kabbala zu einer okkulten philosophie verbunden, die magie und astrologie beinhaltete und als synthese aller philosophien und religionen auftrat. diese art des denkens, die in italien, frankreich, deutschland und england zunächst in hohem ansehen stand und viele anhänger gewann, wurde seit dem 16. und besonders zu anfang des 17. jahrhunderts, als die gegenreformation zur herrschaft gelangte und die zeit der großen hexenverfolgungen anbrach, diffamiert, verfolgt und in den gesellschaftlichen untergrund abgedrängt.“ 

diese verbannung aus dem europäischen geist dauerte bis zum 19. jahrhundert an. erst die entstehung okkulter gruppierungen und magischer orden vermochte hier nachhaltig etwas zu verändern. als wichtiges bindeglied zwischen dem esoterischen synkretismus der renaissance und der moderne gilt hier gemeinhin eliphas levi, wie baier weiters beschreibt:

„man hat diesen ehemaligen priester, der (…) als erster die begriffe ‚esoterik‘ und ‚okkultismus‘ prägte, zurecht den ‚spiritus rector der modernen magie‘ genannt. levis werk trug wesentlich zu dem bald über die grenzen frankreichs hinausgehenden wiederaufleben magischer zirkel und praktiken sowie zu einem verstärkten interesse an den ‚geheimwissenschaften‘ bei. er war für viele andere begründer esoterischer lehren, wie etwa h.p. blavatsky und a. crowley, eine wichtige inspirationsquelle.“ 

das entstehen neuer esoterischer gruppen und magischer orden führte zu einer großen pluralität der ansätze, einerseits durch besagte wiederentdeckung alter lehren sowie andererseits durch entwicklung neuer modelle, wie greenwood ausführt:

„modern magical practices are diverse and include many groups ranging from druidism to anarchistic chaos magick; they do not form a systematic body of beliefs although they may be described as a western form of shamanism. (…). in its western form, shamanism has been interpreted broadly to mean any magico-religious practice involving trance or altered states of consciousness. contemporary magicians employ ritual techniques aimed at changing consciousness which involve trance experiences of another realm of reality which is often called the ,otherworld‘.“ 

die aus dieser beschreibung hervorgehenden gemeinsamkeiten zwischen schamanismus und moderner magie sind augenscheinlich. auch in der magie wird das ritual dazu benutzt, um mit hilfe der trance auf eine innere reise gehen zu können. ebenso lässt sich der aspekt der schutzgeister in der magischen praxis wiederfinden, wie greenwood weiter ausführt: „ritual provides a channel of communication by which the powers of the otherworld (often expresses as deities or animals or a combination of both, as in the egyptian pantheon) are mediated by the magician by the use of the magical will – the direction of the mind and emotions to a particular magical objective. the communication with otherworldly beings – which might involve the magician embodying the deity – is seen to be the source of all the magician’s power.“. auch drury verweist auf die verbindung zwischen schamanischen techniken zur bewusstseinsveränderung mit jenen der modernen magie:

„meditationstechniken und das singen heiliger, den mantras ähnelnder gottesnamen bewirken im wesentlichen dasselbe wie die methoden der sensorischen deprivation bei den schamanen, ähnlich die ausrichtung der konzentration auf ein magisches und kosmologisches ziel. der magier in seinem zeremoniellen kreis tritt in einen heiligen raum ein und nimmt die gottesbilder sinnlich wahr, die er anruft. das singen der gottesnamen und die konzentration auf die bilder und symbole der götter wirken stark auf die schöpferische vorstellungskraft und stimulieren die archetypen des unbewussten.“ 

ihm zufolge wäre es notwendig, zwei elementare vorgehensweisen der modernen magie zu unterscheiden: „einmal werden magische kräfte durch anrufung beschworen – die darauf vom bewusstsein des magiers besitz ergreifen – oder der magier setzt eine technik der außerkörperlichen erfahrung ein und ‚steigt in den ebenen auf‘, um ihnen zu begegnen. beide vorgehensweisen lassen sich mit dem traditionellen schamanismus vergleichen.“. diese kraftvolle form von energiearbeit, wie sie im speziellen die übungen des nei dan darstellen, befähigt so manchen praktiker der traditionellen chinesischen medizin dazu, patienten auf für europäische maßstäbe teils wundersame art zu heilen.

bibliographie:

cohen, kenneth: qigong. grundlagen, methoden, anwendung. frankfurt am main, krüger, 1998

olvedi, ulli: yi qi gong – das stille qi gong nach meister zhi-chang li. meditative energiearbeit. vitalisierung und harmonisierung der lebenskräfte nach taoistischer und buddhistischer tradition. 3. auflage, münchen, heyne, 2001

baier, karl: yoga auf dem weg nach westen. beiträge zur rezeptionsgeschichte. würzburg, königshausen & neumann, 1998

feuerstein, georg: the deeper dimension of yoga. theory and practice. boston, shambhala, 2003

jung, carl gustav: zur psychologie westlicher und östlicher religion. gesammelte werke, bd. 11. düsseldorf, walter, 1995/1

jung, carl gustav: psychologie und alchemie. gesammelte werke, bd.12. düsseldorf, walter, 1995/2

markgraf, ekkehard: freiheitsbegriffe aus der dritten welt. der ertrag neuhinduistischer, neubuddhistischer und neuschamanistischer entwürfe für die philosophische anthropologie. berlin, dissertation, 1983

greenwood, susan: gender and power in magical practices, in: steven sutcliffe und marion bowman, 2000: beyond new age. exploring alternative spirituality. edinburgh, edinburgh university press, 2000, s. 137–154

drury, nevill: musik – pforte zum selbst, brücke zum kosmos. anwendungsmöglichkeiten in meditation und gelenkter phantasie. freiburg, bauer, 1985

drury, nevill: lexikon esoterischen wissens. münchen, knaur, 1988

drury, nevill: der schamane und der magier. reisen zwischen den welten. basel, sphinx medien-verlag, 1989

 

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