die reise ins nirgendwo

ein augenblick der erinnerung

der junimond bescherte uns mit erfreuerlichen aussichten. ann bekamm wieder aufträge und so konnte die familie wieder zukunftspläne schmieden. ann liebte was sie tat und was sie tat, hatte nicht nur sie mit freudigen momenten berührt, sondern auch die personen mit denen sie zu tun hatte. zuversichtlich und hoffnungsvoll widmete sie sich den ihr anvertrauten aufgaben.

„du kriegst das immer so wunderbar hin!“ sagte die frau in der ferne, für die ich in der ersten woche, einige angleichungen an den umweltbedienungen ihrer identität mitgestalten konnte. sie war eine kräuterkundige dame, mittleren alters und eine ehemalige biologielehrerin. ich half ihr bei der konzeption der webseite, die ihren kunden als informationstafel diente. sie veranstaltete seminare für frauen, die in ihre weibliche kraft kommen mochten, die sich mit kräutern und ritualen ausseinandersetzten und diese lehren in ihr frau sein zu integrieren suchten. sie beauftragte mich jahr für jahr und der lohn war fair.

er kam wie so oft pünktlich, ging geschmeidiger beine die treppe herunter, durch die offene tür und in den raum hinein. er setzte sich auf den hocker hin wo das gelbe kissen drau lag. es ging um den wecker und die vorstellung davor, wie er hätte den wecker, der ihn täglich an die arbeit erinnerte, in einen wecker im inneren von ihm, tauschen können. „wenn du dir in diesem augenblick den ort in deinem körper vorstellen kannst wo der wecker sein könne, wo wäre er“ sagte ich. er liess die schwere luft aus der tiefe seines wesens durch die kehle und den mund ausweichen, dann sagte er „in der blase, dann doch aber auch im kopf“. ich spürte ein impuls in mir aufsteigen und den gedanken der sich vor meinem auge formte und sagte erstaunt: „in der blase?! du meinst also, das würde dir gefallen, wenn du morgens von deiner blase geweckt worden wärst?“ mich verwunderte nur der eigene gedanke dadran, denn ich versuchte mir vorzustellen, wie ich mich hätte dabei fühlen können, wenn meine blase, der ort für meine innere uhr gewesen wäre, die mich täglich dadran erinnert, das jetzt zeit zum aufstehen war. nun um mich ging es nicht. ich bohrte dann weiter. „und, wie würde diese uhr dann ausschauen, wenn du ein bild dazu bekommst, wäre dies ein gegenstand oder was wäre die uhr, die dich wecken sollte“, er überlegte kurz, dann erwähnte er „ das könnte ein rädchen sein und das rädchen wäre dann im kopf“. kurz gruselte mich die idee, doch ich liess es mir nicht anmerken, wir sprachen weiter und er entdeckte plötzlich das meer und erinnerte den bereits vergangenen urlaub am südsee, wo er gerne barfuss die strände erkundete. „ ein meeresrauschen könnte ich mir vorstellen und ich würde wellen sehen, die am ufer den rand erreichen, sich dann wieder in den ozean zurück ziehend“, dann phantasierten wir gemeinsam weiter, die möglichkeiten erforschend, wie er sich mit seiner inneren uhr verbinden kann. er liess sich auf die körperreise ein.
seiner schulter ging wieder gut. als ich nachfragte, beklagte er nichts und ich sah eine mini kleine zuckbewegung, die seine gelenke richtung oben machten, doch kommentierte dies nicht. es ging um die uhr und um den wecker.
er legte sich hin und ich ging zu den füssen. wie so oft nahm ich die wärme ihrer wahr. die waden hatte ich bis zu den knien mit warmen öl begossen, ihn dazu einladend die augen dabei zu schliessen und sich dem meeresrauschen wie den wellen hingebend. dies fiel ihm nicht leicht. doch er bemühte sich. ich sah, wie seine augen unter der haut, schnell flatterten und nicht richtig zu waren, doch irgendwann liess er sich gehen und konnte das saltzige mehr auf seinen lippen spüren. den geschmack der sanften briese im gesicht wahrnehmen. als ich am oberschenkel tief in das gewebe mit meinen händen hinein sickerte, da erinnerte er den schulweg den er zur schule auf seinem fahrrad gefahren war. er war nicht allein, seine schulkameraden waren auch dabei, und mit zehn schenkten seine eltern ihm das rad auf dem er zu schule fuhr. „schön war das“, sagte er. die uhr rückte in vergessenheit, auch das mehr, doch dies nur für den augenblick der erinnerung. dann auf der rechten seite seiner körperhälfte, erschien ihm eine leere. das war in seinem kopf und dort war es schwarz, ganz dunkel. er war dort allein und konnte nichts sehen doch fühlen, das konnte er dort. er stand im zentrum, nahm seine füsse auf dem boden wahr und die warme berührung meiner hände, die das bein herauf und herunter rutschten. wenn er die leere erreichte, dann war das für ihn wie im moment zu sein. sein kopf senkte in seine eigene hand, die augen blieben geschlossen, die brust hebte und senkte sich, er atmete noch und nahm die impulslosigkeit seines körpers wahr. für mich fühlte sich nichts falsch oder seltsam wie bemerkenswert an, doch er rührte sich nicht. er war kurz vor der rente und besuchte micht rägelmässig. das relaxen unter den achtsamen händen, mochte er nicht mehr missen. das war mehr als ein jahr er in meine praxis kamm und das erste mal, wo er dinge von früher erinnern konnte.

ich kann dem regen zuhören, der fällt direkt und ohne filter vom himmel herunter. der tag war feucht und etwas klumpig, doch nicht schwül. ich rief bei ihm an um mich z vergewissern ob er noch heute zum grillen kommen mag. er war nicht allein und hatte einen langen arbeitstag hinter sich, so hiess es, nein, doch lieber nicht. ich schrieb ihm dinge, die mir durch den sinn gingen und mich wunderte es nicht, er antwortete nicht. ich war zuversichtlich und optimistisch doch auch nahm ich oft anderes wahr. die verantwortung und bedürfnisse, die den zeitrahmen bestimmen wollten. ich fühlte nicht ganz klar, war betrübt. emotionen und unzufriedenheit, dann doch mochte ich seine anwesenheit. alles mischte sich. „ich mag wenn du neben mir liegst, oder ich neben dir liege, am tag oder nachts. wenn chancen sich verlieben und lieben können, dann wäre ich gerne eine chance. ich möchte erfahren wie du empfindest, spürst und was du dir wünschst“ sagte ich ihm. doch überzeugt war ich davon nicht. er ging an einen ort, der nicht weit von hier war. „bis donnerstag bin ich dort“, sagte er. ich war nicht enttäuscht. er konnte nicht, das verstand ich und schrieb an ihn einen brief der ihn an unsere begegnung erinnern würde:

ich werde meine augen zufallen lassen, spüren, meine hände in die brustmitte legen, meinen körper wahrnehmen und dich bei mir fühlen, ja, sogar in mir, wie an dem tag wo du hier das letzte mal gewesen bist. es war ein freitag. du warst glücklich und zufrieden. ich spürte deinen warmen, weichen körper, nahm dein herz einen rhytmus schlagen wahr, du schliefst da noch ein, von der reise etwas erschöpft. dann kuschelten wir und dann liebten wir uns. ich spürte deinen süssen atem auf meiner haut und deine warme hand auf meinem po. sie pulsierte noch. du bist bei mir geblieben und wir hatten nichts vor. einmal öffnete ich die augen und da sah ich dich. deine hand streichelte zart an meinem bein entlang und deine augen schauten mich auf eine art an, die eine große liebe versprachen. liebe mich, dachte ich, doch ich schwieg.

lange bevor unsere kinder zur welt kamen, erwartete ich sie schon voller vorfreude. an manchen tagen fühlte ich mich so, als ob sie schon in meinem bauch gestrandet sind. zwei samenkörner. vielleicht war das der tag wo du bei mir bleiben wolltest, wo wir uns des morgens liebten. vielleicht war das auch schon am abend. es war eine dunkle zeit und unsere augen wechselten den rythmus in einem angenehmen tempo, die augenlieder öffnend und schliessend. ich genoss die süsse, die ich in meinem gaumen spürte als wenn deine lippen, den meinen halb geöfneten mund entlang streiften, so zart und dann etwas fester als ob deine zunge an meinen lippen etwas zu entdecken wusste. oft legte ich meine hände auf meinem bauch und streichelte die bauchdecke. ich nahm den hauch des atem in meinem bauchraum wahr, spürte, ihn nicht verändern wollend. der atem wanderte in meinem innerem von einem ort zu anderen region, dann sammelte er sich an einem punkt und der herzraum weitete sich. mit dir verbunden.

„ich dachte, ich habe den besten mann in ganzem universum. ich habe einen glücklichen mann und das zu spüren ist für mich das schönste, ich dachte, wir uns werden sehr lieb haben können und unsere freundschaft unendlich sei“ liess ich mein herz für mich sprechen, und es tat so gut, dir die wahrheit sagen zu können.

er nannte mich gerne anouschka. er gab mir den namen und ich habe mich, und auch mit ihm wohl gefühlt. wenn er ihn in meine richtung sagte, so spürte ich oft, wärme in meiner brust in alle richtungen ausstrahlend , so als ob dieses gefühl nicht mir gehörte und in dem moment als es mich traf, in mir etwas auslöste, was schon sowieso immer da war. vielleicht waren wir uns da sehr ähnlich und die absicht war gleich.

der wind war nicht still. ann pflückte einige zweige von der pfefferminze, die im garten wurzeln geschlagen haben. sie selbst fand einige tropfen blut, als sie sich dem morgendlichem ritual im badezimmer widmete. die zeit war also doch noch nicht reif, dachte sie dabei. dies war für sie ein zeichen, die samenkörner brauchen noch etwas geduld und sie konnte warten. der wunsch war schon immer da, ein teil von einer grossen familie zu sein. doch die familie sollte aus ihrem und seinem gefühl erwachen. von einem freund hörte sie, es gäbe sowas wie eine samenbank, doch der gedanke allein wirkte schon sehr befremdlich, samen von jemanden dessen charakter sie nicht kennt, und mit dem sie nicht einmal zusammen sein mochte in sich aufzunehmen. so wollte sie das nicht. sie hat schon einmal einen sohn alleine, ohne vater, gross gezogen. der mann, der für uns bereit war mit die fürsorge zu tragen, der keiner verantwortung scheute, dem hat sie ihr herz anvertraut. sie kannte ihn noch nicht lange und warscheinlich deshalb war die zeit noch nicht reif um sich auf das abenteuer zuwachs einzulassen. wir sprachen nicht über dieses thema. sie dachte, sie spürte was er möchte, doch sie hätte es lieber von ihm selbst gehört. sie blieb mit der geduld und liess die gedanken immer wieder frei im raum schweben. wann der richtige zeitpunkt für die zusammenkunft gewesen sei, blieb ihr ein rätsel doch der gedanke dadran, dass das noch soweit kommen wird und wir die besten eltern für unsere nachkommen sein werden, liess sie tief aufatmen und sie hatte auch das gefühl, sie verstanden sich gut auch ohne vielen worte.

ist das gewahrsein der raum in dem eine echte freundschaft wahrgenommen werden kann? was möchte ich, was möchte ich nicht, waren fragen mit denen man  sich oft in beziehung setzte. auch wenn es scheinbar keine grenzen gab, zeigten die grenzen uns, wie wir unter einander und mit einander einen umgang zu pflegen versuchten, welches das gefühl von dem was uns wichtig war hervorhebte. so stellte ich mir vor, könnte das „in resonanz sein“, die gemeinsamkeit des im moment sein,  der von uns so oft gefürchteten einsamkeit unterstreichen. so wäre der augenblick eine erfahrung bei der man die hand meines kollegen, partner, freundes, gespürt werden konnte. was kann ich von dir jetzt wahrnehmen? wirkt dein händedruck auf mich sehr kraftvoll, energisch oder spüre ich vielleicht wärme, sanftheit und frieden. könnte deine hand das sprachohr, der dich im moment beschäftigten ereignisse sein? welche hinweise hätte ich der berührung entnehmen können um zu erfahren, wie du dich jetzt wirklich fühlen magst? ich achtete auf die impulse, die mich durchströmten.

sie schloss die augen, fühlte und sagte „ich bin verliebt in dich“ ihren kopf zur seite neigend und die worte hatten scheinheilig macht. sie waren so stark und lösten freudetränen aus. die träne war riesig, wie eine perle nur ohne glanz. ich spürte sie an meiner wange herunter auf den boden fallen. niemand hörte die worte, ausser sie selber doch sie glaubte, das er sie auch empfangen werde. sie dachte was sie fühlte und fühlte was sie dachte. verwebt mit dem silbermond wurde sie ganz still. mit der dunkelheit, mit dem rauschen der blätter auf den bäumenkronen, mit der erde eins. schon im september oder ende august der letzten jahreszeit, begann sie ein ritual zu unterhalten. sobald der tag, dem abend platz machte, tat sie alle arbeit bei seite und „beschäftigte“ sich weitestgehend mit dem nichts. sie sass in stille, hörte, spürte und verstand die sprache ihres herzens. jeder konnte die sprache des herzens sprechen. ohne ausnahmen, denn was ann möglich war, war auch jeder anderen person auf dem selben planeten auf dem wir alle wohnten, auch möglich. und der planet war nicht der mond oder ein anderer sondern die erde, wie wir sie getauft hatten. ob sich die erde freute über den ihr von uns gegebenen namen. vielleicht hat sie sich den namen selber ausgesucht bevor sie erschaffen wurde, vielleicht flüsterte sie ihren namen, dem namensgeber in einem seiner träume durch ein ohrschlitz hindurch. „achtet auf eure träume“ war die nachricht, die ann mit den sich im universum befindeten reisenden zu teilen vermochte. wenn wir uns als reisende hier im kosmos wahrnehmen, dann scheint es mit, wir von irgendwoher sind und uns auch irgendwohin bewegen und wir meinten zu wissen, wie wir den leeren raum der zwischen irgendwoher und irgendwohin entstand füllen konnten. dazu benutzten wir das irgendwann, doch das machte uns nichts aus und war nicht das wollen hier sowieso die kraft, die uns bewegte und zu motivieren versuchte. „ich will dies und ich will jenes … ich will eine burg aus sand“.

eine handvoll johanniskraut, eine handvoll ringelblumen, salbei, minze und lavendel. das waren die zutaten für eine ganz besondere salbe, die man so nirgends bekommen konnte. ann mischte alles sorgfältig zusammen und legte die zuvor gezupften pflanzenteile in ein weckglas hinein, sie mit einem leicht gewärmten kokosöl übergiessend. dieses würde einige wochen auf der fensterbank an einer sonnigen stelle aufbewahrt, so, dass die heilsame eigenschaft der heilkräuter zeit genug hatte, sich mit dem öl zu vereinen, ihre wirkung voll entfaltend. nach einigen wochen hat man eine art von salbe für die haut oder konnte das erzeugniss in der küche mit verwenden.

die kräuterkundige dame war mehr als zufrieden. auch der auftrag den ich von der naturheilpraxis bekommen hatte war erfolgreich abgeschlossen. es war ein wochenende und ich dachte, endlich kann ich ausschlafen und dem ruf meines herzens folgend, legte ich mich hin, mich mit einer dicken decke zudeckend und schlief tief und fest ein.

herzlich willkommen