die liebe trägt die seele wie die füße den leib tragen

die liebe trägt die seele wie die füße den leib tragen

der tag leuchtete in silbrigem duft von schimmerndem licht, welches sich durch die graue wolkendichte des nachmittages in den arbeitsräumen ausbreitete. der raum war voller licht und sonne gefüllt und lud ein,  gemütlich die stunden der herbstlich gefärbten stimmung darin zu verbringen.
ann zündete eine kerze. das machte sie jeden morgen, einfach weil sie in diesem ritual eine art von schönheit erkannte. schönheit und dankbarkeit frohen mutes und lebendigkeit  des besonderen tages ins auge blicken zu können. an verschiedenen plätzen legte sie ein räucherstäbchen , um die sinne und die sinnlichkeit ihrer und der bewohner des hauses, mit dem duft von sandelholz anzuregen.

chris und phoebe waren von ihrer reise zurückgekehrt. die geschichte von der begegnung mit den delphinen, liess jedoch auf sich warten, denn chris sich so gleich in seine arbeit wieder stürzte , so dass er ann bisher von seinem erleben von der zeit in ägypten, hat noch nicht berichten können.
einige wochen sind bereits vergangen als die freunde sich das letzte mal getroffen hatten und ann fragte sich, wann dies wieder möglich sein könnte, traute sich jedoch noch nicht diese frage an ihn zu richten, was sie dann später dennoch tat.
als er sie abends anzurufen versuchte, da schlief sie schon fast und die gelegenheit verfloss im jenseits, dem klang seiner sanften stimme wieder lauschen zu können.

beim anbruch der vollkommenheit mit der die zugvögel sie  der heiligkeit der stunde zu begrüßen wussten, flog sogleich mit dem nächsten windhauch ein schleier von glückseeligkeit über anns gesicht, sich auf ihren augäpfeln den platz für ein genüssliches augenblick unsichtbarer berührung zu sichern. mit der luft, dem atem und seinem geist war ann bereits zutiefst vertraut. atman, nannten ihn die anderen. für sie war er jedoch wie ein geliebter mann, ein junger gott, ein vertrauter und freund zugleich. jemand mit dem sie ihr herz und schoss teilen und im hauch des lebendigen, ihren verstand verlieren konnte.
ihr körper leistete ihr zur zeit keine guten dienste. er knirschte und knarschte wie ein alter baum dessen äste im wind zu zittern beginnen, sobald es zu regnen beginnt. ann meinte, seit einem jahrzehnt an verschiedenen syndromen leiden zu „wollen“, deren liste so lang war, dass sie alle mit einem namen zu benennen den rahmen des möglichen sprengen würde. sie verlor jedoch nie die würde auf vollständige genesung, jedoch klar war ihr, dass dies eine mehr oder weniger ernste angelegenheit zu sein schien. eine angelegenheit, die durch  das schicksal und seine grenzen in der lage gewesen ist die begrenzungen zu weiten, somit sie auch ins unendliche zu dehnen, sie zu verschieben.

der-fuss-und-seine-faehigkeit-zur-anpassungsie war eine begabte , hochtalentierte heilerin, und auch wenn sie dies nicht zugestehen wollte, hat sie durch ihre weise art bereits ne menge in der welt bewegen können.  auch wenn der ursprüngliche plan die bedrohte weltordnung zu retten eine scheinbare utopie war, wusste sie, sie kann das leid und den schmerz der menschheit lindern, somit auch ihr eigenes karma lenken.  der plan ging auf, wie der apfelkuchen ihrer bereits verstorbenen oma steffi, die zu ihrer hochzeiten, eine ausgezeichnete hausdame war, die, die familie mit nahrung versorgte, während der allein stehender vater sich zur aufgabe machte, den unterhalt für uns kinder zu verdienen.  auf ann wirkte ihre oma oft etwas unheimlich, sie sprach auch nicht viel und las dicke bücher, die von abenteuern handelten.  „soll ich sie um rat bitten“ dachte ann bei sich. anns fähigkeit war auch mit bereits gestorbenen seelen im gespräch zu bleiben um aus den fehlern ihrer irdischen erfahrungen, die sie zu lebzeiten ertrugen, zu schöpfen. ein leichteres und beschwingteres dasein hatte ann im sinn und mochte sich nicht mit dem schicksal anfreunden, welches ihr auf dem goldenen tablett vor die brust, von den anderen erdenbewohnern vorgelebt wurde.  die erfahrung des schmerzes  und leides, egal in welcher form es diese im bewusstsein des menschen vorhanden zu sein schien, wollte sie nicht akzeptieren, so versuchte sie dieses globale missverständnis aus der welt zu räumen, wie wenn man mit einem bleistift ein wort skizziert das man dann mit einem radiergummi wieder vom blatt weg machen kann.
gelöscht.
eine weisse fläche entsteht, die wie eine neue identität die wirkung hat. eine identität, die uns vom schmerz und leid erfahrungen, einen riesen abstand gewähren lässt. eine chance, ein befreites schmerzfreies leben führen zu können, war in dieser zeit für viele menschen ein nicht gelebter traum, vielmehr ein albtraum aus dem es sich zu erwachen lohne. ein leben, das bis zu hohem alter mit einem körper, welcher weiss was er braucht um es sich bis ans ende seiner existenz, hier auf der erde voller freude, sinn und gesundheit, das selbständig nehmen kann, was er fühlt, ihm würde wohliges und angenehmes zustossen, damit er sich bei sich selbst wohlfühlen und rundum leuchten kann.
es schien kein einfaches unterfangen zu sein. „die schmerzerfahrung vom bewusstsein des menschen zu löschen würde ihn seiner daseinsberechtigung berauben, dachte ann weiter. das würde ihm so gar nicht gefallen, denn der schmerz war wie ein dämon, ein teufel oder ein feuerspeiender drache in einem“… „es gab aber nicht nur böse drachen“ unterbrach sie ihr geist, das phantasieentgleiste gespinne, ihre  zutiefst verbundene seele beeindruckend. der zorn breitete sich aus, denn mitgefühl hatte ann für ihn nicht mehr übrig. er war ihr wie ein dorn im auge geworden und wenn man der vorstellung nachgeht sich solchen dornes bewusst zu werden, dann könnte man dieses mit einem stacheldrahtzaun in verbindung bringen, welches so oft die tiere auf den wiesen umkreist. es tat verdammt weh, wenn solch ein dorn über längeren zeitraum in der haut stecken bleibt. ann beruhigte ihre zornigen gedanken, streichelte sich zart und sanft mit der einen hand über die schmerzende stelle ihres nackens und liess den kopf zur seite sinken. ihr körper wackelte von einer seite zu nächsten wie eine boje die im meer durch die sanften wellen hin und her geschaukelt wird. sie fühlte sich bei sich geborgen und frei.

frei sein, freiheit. so viele definitionen es von diesem begriff bereits gab. menschen brachten sich für dieses wort gegenseitig um, und kämpften miteinander um des begriffes willens etwas vertrauen zurück zu gewinnen, das man ihnen nie gestohlen hat. denn freiheit kann man nicht stehlen, so wie liebe nicht käuflich ist, zu mindest nicht die wahre liebe. wenn sie es irgendwo nun geben soll, es lohne sich nach ihr zu forschen. „irgendwo und ausserhalb von mir, bitte“ sagte ann, denn mit der selbstliebe war sie bereits vertraut. von anfang an, ganz intuitiv. ann wollte ihr strömen spüren, es knistern hören, mit anderem körper voller aufmerksamkeit und glühender lust die äusseren augen schliessen um die inneren geöffnet zu halten.

manchmal nackt
manchmal verrückt
mal als weiser
mal als narr
so erscheinen sie auf erden:
die freien menschen.
hinduistischer vers

 ein gedanke kreiste noch in ihrem sinn, wie die krähen die ihre glänzend flatternde flügel im kreis der am rande stehenden bäume des mischwaldes, in dessen nähe das haus stand indem ann zur zeit lebte,  als ob es ein raum wäre in dem die identität keine rolle zu spielen schien. nur die menschen spielten mit wörtern, die tiere sprachen eine andere sprache und besassen auch keine ausweise um sich zu einem namen bekanntlich zu machen gar von einem ort zum anderem zu bewegen. so als ob das was verändern würde, das der körper einen namen bei sich trägt.

ann sinnte nach, wo die emotionen ihren ursprung herhaben und wie sie in den menschen hineinkommen und ihn scheinbar derart in besitz nehmen, so das wir uns ihnen gegenüber machtlos und ausgeliefert fühlen. sie nicht zähmen können. sie uns im griff haben, nicht wir uns selber.
das ist jedoch schon zu weit.
woher stamm der ärger, die aggression, die wut und der zorn, all die gefühle die eine kraft besitzen auf eine vielfältige art und weise dem leben einen sinn zu geben scheinen. einen sinn?! der zorn soll also einen sinn haben, fragte ann. welchen!? ann atmete tief in den bauch hinein und aus um der frage auf den grund zu gehen, denn die quelle der antworten lag tief in ihr selbst, auf dem boden, im urgrund wo das wissen was sie zu wissen brauchte, scheinbar herstammt .

neben der quelle verdursten. ein mann verirrt sich in der wüste. die sonne brennt unbarmherzig, und er ist kurz vor dem verdursten. da sieht er vor weitem eine oase. zuerst denkt er, es sei ein fata morgana, aber bald sieht und hört er alles ganz deutlich – die dattelpalmen, das wasser. er hört es sogar plätschern. aber er denkt sich: „mein gott, das kann doch nicht sein. wie ist das möglich so mitten in der wüste?“ und er ist entsetzt darüber, dass die natur so grausam ist und mit einem verdurstenden solche spielchen treibt.
einige tage später finden ihn zwei beduinen tot auf. „ist das zu begreifen?“, fragt der eine den anderen. „fast wachsen ihm die datteln in den mund, er liegt direkt neben der quelle und ist doch verdurstet und verhungert.“ und der andere beduine antwortet ihm: „das ist gar nicht verwunderlich, er ist eben ein moderner mensch und moderner mensch denkt nicht, was seiner meinung nach nicht sein kann.“
sicher, tagelang war um diesen menschen herum nur wüste. also konnte alles, was er sah und wahrnahm und anders war als die wüste, nicht sein. er nahm an, es könne sich nur um eine luftspiegelung handeln. so ähnlich gehen viele menschen durch ihr leben. sie verdursten neben der quelle, die mitten in der oase ihres lebens sprudelt. sie trinken nicht, „weil hier doch gar keine quelle sein kann!“
der philosoph ken wilber nennt es „etwas wahrnehmen, ohne es wahr zu nehmen: „wir heutigen menschen spalten unsere wahrnehmung, unser gewahrwerden in abteilungen auf: in subjekt und objekt, in leben und tod, in äusseres und inneres, in verstand und gefühl. das ist eine form der trennungsregelung, die zur folge hat, das eine erfahrung, die andere stört und bekämpft, dass das leben, das ganz einfache leben und empfinden, nicht mehr möglich zu sein scheint“.

in der wurzel liegt die kraft. und die wurzel ist das urvertrauen, dessen platz in menschlichem körper ein wandernder sein kann. jedoch um die allgemeine verwirrung nicht aus dem chaos zu locken, hat man sich geeinigt das der ort für das urvertrauen den sexualorganen zugeordnet werden kann, somit war bei ann, da sie ein mädchen war, das areal der vagina und des anus die urquelle, wenn es darum ging sich mit der mutter  zu verbinden um dem konzept der gerechtigkeit und fairness nahe zu sein.

ann erwachte aus dem traum, räkelte und steckte ihren körper in alle erdenklichen richtungen, spürte jedoch ein gewisses unwohlsein im rücken was die folge von einer kurzen dauer sein sollte, denn die vergangene nacht dauerte nicht länger als wenige stunden, was dem wohlbefinden nicht ausreichte, das sich bei ann dann in blinzeln von augenliedern und einem gefühl von leichter trägheit die aufmerksamkeit verschaffte. der fliegende kranich und die acht brokaten waren gymnastische einheiten, mit hilfe dessen sie dem gerüst ihrer gelenke, einen guten schub an energie und balance geben konnte und auch der müdigkeit, ihre chance die waage zu finden gewährte. sich selber gutes tun um in der welt selbst das gute zu geben, war ihr ein steter wunsch, und sie kannte bereits den weg. die schritte führten sie mit leichtigkeit, dem glück entgegenkommend .

wie würdest du mich lieben, wäre der liebesakt die edelste form der kunst. wie wären deine berührungen, die du mir schenken würdest um aus mir heraus ein gefühl von freude und glückseeligkeit zu entlocken. wäre deine hand hart oder zahm und sanft zugleich, bedinge die lust einer wechselseitigen wirkung oder dürfte ich mich einfach auf dein gefühl verlassen, mich dem fluss deiner bewegung hingeben und mich durch ihn gleiten lassen, versuchte ann den geist des mannes zu erforschen der ihrer nähe heim suchte. sie spürte ihn so oft und nahm unterschiedliches wahr, und sie wurde sehr neugierig darauf, sein wesen zu erkunden. „würde er mit mir sprechen. mit mir seine gedanken und gefühle teilen, ohne jegliche hindernisse. würde sein geist sich mit seinem körper verbinden und der seele einen raum zu sein gewähren “ ann träumte von dem ihr bereits bekannten gefühl, das sie empfand, während sie sich selbst liebte und sich die art von liebkosung schenkte, dass sie im augenblick so materielos machte, ihr dabei half, den schmerzen des physischen körpers in dem sie für immer bleiben mochte, zu vergeben. dem schmerz zu vergeben. „eine gute idee“ dachte sie mehr oder weniger sarkastisch und empört.

die herbstliche stimmung entfaltete ihre schönheit in einem einmaligem schauspiel von einem farbenfrohen feuerwerk, welches nicht wie gewöhnlich den himmel verdeckte, sondern die kronen der zahlreichen bäume und gehölze mit allen farben des lebens auf die edelste art bekleidete die sie nur zu bieten hatte. erstaunlich üppig ist die natur, mit aller kraft halten die bäume ihr laub fest während es ringsum goldig wird, wählen rotlaubige bäume ein zartes hellgrün um  willkommen zu sagen.
die rythmen passten sich der bedürfnisse  an und so wurde es im haus etwas dunkler. die mitbewohner schienen ein vermehrtes schlafbedürfnis entwickelt zu haben, denn während ann ein mensch war, der mit den ersten anzeichen von hellem licht ihre augenlieder aufschlug, folgte ihr mitbewohner einem entgegengesetztem traumverhalten. als sie seinen raum besuchte so herrschte dort fast immer eine art von dämmerung, wie in einer hülle in die das licht dem schatten einen vorrang gewährt. er war ein langschläfer jedoch selten erinnerte er die träume der nacht, was ann als äusserst unglücklich empfunden hat, denn die träume waren ihr heilig.

wie kein leben ohne atem möglich zu sein schien, fand ann in den träumen eine art zufluchtsort in dem sie allein aber auch mit freunden in ihnen zu verweilen übte. eingeweiht in die kunst des träumens, hat sie die stille erreicht in der sie der spur der freundschaft nachsinnen konnte.

herzlich willkommen